27. April 2018

Eigentlich doch selbstverständlich“

24-Jährige erhält Preis für Zivilcourage: Alina Schipper überwindet Hemmschwellen und rettet ihre Nachbarin

Der Preis für Zivil­cou­ra­ge des Land­krei­ses geht an die 24-jäh­ri­ge Hil­des­hei­me­rin Ali­na Schip­per. Foto: Kol­be

HILDESHEIM. Zivil­cou­ra­ge erfor­dert nicht den Wage­mut, wil­de Ver­fol­gungs­jag­den zu star­ten oder sich selbst in Gefah­ren­si­tua­tio­nen zu brin­gen. Ein wach­sa­mes Auge, ein gesun­des Inter­es­se an den Mit­men­schen und der Mut, im rich­ti­gen Moment even­tu­el­le Zwei­fel abzu­le­gen und Hil­fe zu rufen, sind wich­ti­ge Grund­la­gen. Ali­na Schip­per hat ihrer Nach­ba­rin damit wahr­schein­lich das Leben geret­tet. Die 24-Jäh­ri­ge wohnt zusam­men mit ihrem Part­ner Paul Glewe in einer Dach­ge­schoss­woh­nung auf der Mari­en­bur­ger Höhe. Am Abend des 7. Okto­ber fiel dem Paar beim Kochen auf, dass die neue Mie­te­rin in der gegen­über­lie­gen­den Woh­nung auf dem Boden liegt. Ali­na Schip­per berich­te­te bei der Preis­ver­lei­hung, dass sie und ihr Part­ner gemut­maßt haben, dass alles sei­ne Rich­tig­keit hat und die neue Mie­te­rin wahr­schein­lich auf einer Matrat­ze schläft. Das Paar woll­te sich nicht durch über­trie­be­nes Hin­über­schau­en in die Pri­vat­sphä­re der Frau ein­mi­schen. Am Abend des Fol­ge­ta­ges sah Schip­per erneut, dass die Dame auf dem Boden liegt. Nun skep­tisch gewor­den, nahm Schip­per sich vor, die Situa­ti­on genau­er zu beob­ach­ten. Sie sah, dass sich die kor­pu­len­te Frau am Boden beweg­te. „Es schien, als ob sie ver­geb­lich ver­sucht auf­zu­ste­hen“, berich­te­te Schip­per. Dar­auf­hin war ihr klar, dass sie, auch auf die Gefahr hin, einen Fehl­alarm aus­zu­lö­sen, unver­züg­lich han­deln müs­se. Sie setz­te den Not­ruf ab, kurz dar­auf tra­fen Poli­zei und Not­arzt ein und brach­ten die Frau ins Kran­ken­haus. „Sie haben alles rich­tig gemacht“, lob­te Land­rat Olaf Levo­nen die Preis­trä­ge­rin. So hat es auch die fünf­köp­fi­ge Jury gese­hen, die über Ein­sen­dun­gen im zwei­stel­li­gen Bereich zu ent­schei­den hat­te. Jury­mit­glied und Kreis­de­zer­nent Hel­fried Bas­se berich­te­te, dass die Jury beson­ders von den Zwei­feln der jun­gen Frau, nicht grenz­über­schrei­tend sein zu wol­len, beein­druckt war. „Sie hat sofort gehan­delt, als deut­lich war, dass etwas nicht stimmt. Sie hat ihre Zwei­fel bei­sei­te­ge­scho­ben und Hil­fe geholt“ lob­te Bas­se. Lobend äußer­te sich auch der Lei­ter der Hil­des­hei­mer Poli­zei­in­spek­ti­on, Uwe Ippen­sen.

 

Als Preis wur­de in der Aus­bil­dungs­werk­statt der Fir­ma KSM eine indi­vi­du­el­le Hand­skulp­tur im offe­nen Herd­guss erstellt. Die Idee der gegos­se­nen Hand – als Sinn­bild für erfolg­te Taten – stammt vom Hil­des­hei­mer Künst­ler Enri­co Gar­bel­mann. KSM unter­stützt den Preis für Zivil­cou­ra­ge sowie das Pro­jekt „Fami­lie in Not“. Neben der Skulp­tur erhält die Preis­trä­ge­rin einen Scheck über 1 000 Euro, den die Kreis­wohn­bau­ge­sell­schaft (kwg) Hil­des­heim stif­tet. Der Fall mach­te kwg-Geschäfts­füh­rer Mat­thi­as Kauf­mann beson­ders betrof­fen, weil er es aus der Bran­che ken­ne, dass Men­schen in ihren Woh­nun­gen oft unbe­merkt in Not und ohne Hil­fe sind. Er mein­te, das Han­deln von Schip­per sei kei­ne Neu­gier, son­dern ganz nor­ma­le Acht­sam­keit, die auch in der heu­ti­gen Gesell­schaft wich­tig sei.

 

Wor­un­ter die Frau litt, hat Schip­per nicht erfah­ren, weiß aber, dass sie wie­der zu Hau­se ist. Weil die Dame ihre Woh­nung nicht ver­las­sen kann, hat sie ihren Dank an Schip­per aus­rich­ten las­sen. „Ich freue mich über den Preis, aber eigent­lich ist so ein Ver­hal­ten doch selbst­ver­ständ­lich“, mein­te Schip­per. ckb

 

Quel­le: Lei­ne-Deis­ter-Zei­tung, 27. April 2018

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