20. September 2018

Fünf vor zwölf“: Mehr als 2 400 Wohnungen fehlen

Mieterverein legt bei Aktionstag drastische Zahlen vor / Arbeitsgemeinschaft beklagt Notstand in Hildesheim

Palak­tiv machen die Ver­an­stal­ter des Akti­ons­ta­ges in der Innen­stadt auf die pre­kä­re Situa­ti­on auf­merk­sam. FOTO: JULIA MORAS

Von Alex­an­der Raths

Hil­des­heim. Es ist höchs­te Zeit, der Woh­nungs­not in Hil­des­heim ent­ge­gen­zu­steu­ern. Das steht für die Ver­an­stal­ter des gest­ri­gen Akti­ons­tags an der Jako­bi­kir­che fest: „Fünf vor zwölf: Ein­la­dung zur Woh­nungs­be­sich­ti­gung“ – so lau­te­te das Mot­to. Und eine auf­ge­bau­te Schlicht-Woh­nung soll­te die Bli­cke auf sich zie­hen.

 

Bil­lig-Schrän­ke, ein klapp­ri­ger Tisch, eine Pla­ne als Dach. Eher wenig Men­schen neh­men davon Notiz, ihre Bli­cke wischen an der Kulis­se vor­bei. „Vie­len ist das Pro­blem Woh­nungs­not nicht bewusst. Die mei­nen, sowas gibt es in Ham­burg oder Han­no­ver, aber nicht bei uns“, meint Rode­rich Göhl von der Ambu­lan­ten Hil­fe für Woh­nungs­lo­se.

 

Er gehört zu den Ver­an­stal­tern des Akti­ons­tags, die mit Fak­ten auf die pre­kä­re Situa­ti­on hin­wie­sen: Hun­der­te von rund 54 000 Woh­nun­gen ste­hen zur­zeit in Hil­des­heim leer. Zudem feh­len dem Mie­ter­ver­ein zufol­ge min­des­tens 2400 Woh­nun­gen in der Stadt. Beson­ders benö­tigt von Fami­li­en mit meh­re­ren Kin­dern, Senio­ren, Arbeits­lo­sen, Stu­den­ten und auch Flücht­lin­gen. Zudem sind die Durch­schnitts­mie­ten auf mehr als sechs Euro pro Qua­drat­me­ter gestie­gen. Bis vor eini­gen Jah­ren waren es noch fünf Euro. Die­se Zah­len legt der Mie­ter­ver­ein bei dem Info-Tag zusam­men mit der Kreis­ar­beits­ge­mein­schaft der Frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge im Land­kreis vor. „Die Not ist groß“, sagt Göhl und nennt ein wei­te­res Bei­spiel: 196 Men­schen bekom­men nur Post, wenn sie bei der Bera­tungs­stel­le „Ambu­lan­te Hil­fe für Woh­nungs­lo­se“ ankommt. Die Män­ner und Frau­en zwi­schen 20 und 35 brau­chen die­se Adres­se. Etwa, um Harz IV-Leis­tun­gen zu bean­tra­gen. Denn sie haben kei­nen fes­ten Wohn­sitz, schla­fen mal in Gar­ten­lau­ben, sind bei Bekann­ten unter­ge­bracht oder hau­sen auf der Stra­ße. „Das geht bei denen im Rota­ti­ons­prin­zip.“

 

All dies seht an der Jako­bi­kir­che im Fokus. Aber was tun? Ralf Igge­na von der Kreis­wohn­bau­ge­sell­schaft (KWG) sagt es gleich drei­mal: „Neu­bau, Neu­bau, Neu­bau.“ Doch in Hil­des­heim ist der Platz dafür begrenzt. Immer­hin ent­ste­he das Gebiet Ost­end mit 650 Woh­nun­gen, auch mit Blei­ben für Men­schen, die auf sozia­le Wohn­raum­för­de­rung ange­wie­sen sind. Ralf Igge­na und Mar­kus Fei­se (Beam­ten­woh­nungs­ver­ein) wei­sen zudem dar­auf hin, dass es in der Nähe von Hil­des­heim durch­aus Wohn­raum gebe: etwa in Har­sum oder Alger­mis­sen.

 

Der Mie­ter­ver­ein pocht den­noch auf mehr Woh­nun­gen in der Stadt. Des­sen Geschäfts­füh­rer Vol­ker Spieth for­dert von der Stadt ein kom­mu­na­les För­der­pro­gramm – „wie in den neun­zi­ger Jah­ren.“ Doch Stadt­bau­rä­tin Andrea Döring winkt ab. „Das ist Lan­des­auf­ga­be“, sagt sie und ver­weist auf die Bedeu­tung des Schul­den­ab­baus für die Stadt. Döring betont aber auch, dass ein ver­bes­ser­tes Ange­bot her müs­se.

 

Spieth setzt dar­über hin­aus auf eine Ver­ord­nung des Lan­des. Die soll hel­fen, damit Woh­nun­gen nicht zweck­ent­frem­det wer­den. Doch die Lan­des­re­gie­rung habe die Plä­ne noch nicht umge­setzt. Die Dis­kus­si­on soll am kom­men­den Mon­tag um 18 Uhr im Stadt­rat wei­ter­ge­hen. Auf Antrag der Lin­ken, Grü­nen und SPD gibt es eine Aktu­el­le Stun­de.

 

Quel­le: Hil­des­hei­mer All­ge­mei­ne Zei­tung, 20. Sep­tem­ber 2018

Veröffentlicht unter 2018