13. März 2019

Immer mehr Bürger stellen ihren Sperrmüll einfach irgendwo ab – oder dazu

Immer öfter stellen Menschen Sperrmüll an die Straße, ohne ihn vorher anzumelden. Oder sie laden ihn einfach auf privaten Grundstücken ab – ein Problem für Eigentümer und Mieter.

Nor­man John wuch­tet eine alte Kom­mo­de in das ZAH-Fahr­zeug, auf des­sen Lade­flä­che das Möbel­stück zusam­men mit vie­len ande­ren umge­hend zer­malmt wird. In die­sem kon­kre­ten Fall arbei­tet John mit sei­nem Kol­le­gen Mar­co Heckel auf einem Pri­vat­grund­stück – mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des Grund­ei­gen­tü­mers. Sonst gin­ge das nicht. FOTO: CLEMENS HEIDRICH

Von Tarek Abu Aja­mieh

Die älte­re Dame aus Och­ter­sum ist empört. Wie­der ein­mal haben Unbe­kann­te am Wochen­en­de Sperr­müll auf dem Grund­stück an der Theo­dor-Storm- Stra­ße abge­stellt. Die Frau wohnt dort in einem der Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser, zu denen das Are­al gehört. „Das ist bestimmt das fünf­te oder sechs­te Mal in den ver­gan­ge­nen zwei, drei Jah­ren“, klagt die Frau, „min­des­tens“. Dabei sei sie doch vor eini­gen Jah­ren nach Och­ter­sum gezo­gen, weil sie den Stadt­teil als schön und sau­ber in Erin­ne­rung gehabt habe.

 

Was die Och­ter­su­me­rin vor ihrer eige­nen Haus­tür wahr­nimmt, ist mehr als ein Gefühl. Das steht für Jens Krü­ger, den Geschäfts­füh­rer des Zweck­ver­ban­des Abfall­wirt­schaft Hil­des­heim (ZAH), fest: „Wir müs­sen lei­der ver­stärkt fest­stel­len, dass Leu­te unge­ord­net und unan­ge­mel­det ihren Sperr­müll irgend­wo abstel­len“, sagt Krü­ger. „Bestimmt ein­mal pro Woche, viel­leicht auch öfter“ müss­ten sei­ne Mit­ar­bei­ter inzwi­schen aus­rü­cken, um ille­ga­le Müll­hal­den zu besei­ti­gen. „Das ist mehr als vor eini­gen Jah­ren.“ Was eben­falls immer häu­fi­ger vor­kom­me: „Jemand mel­det ganz ordent­lich sei­nen Sperr­müll an und stellt ihn zum ver­ein­bar­ten Ter­min raus – und dann stellt jemand anders noch alles Mög­li­che dazu, so dass die erlaub­te Men­ge über­schrit­ten wird.“ Und dann beginnt meist der Ärger.

 

▶ Wie es sein sollte:

Wer alte Möbel und Ähn­li­ches los­wer­den will, kann eine kos­ten­lo­se Sperr­müll-Abho­lung beim ZAH bestel­len. Die­sen Ser­vice darf jeder Haus­halt zwei­mal im Jahr nut­zen, die Abhol­men­ge soll drei Kubik­me­ter nicht über­schrei­ten. Wer das auf der Home­page des ZAH bean­tragt, soll dabei auch ange­ben, um was für Gegen­stän­de es sich han­delt.

 

Ist ange­sichts der ein­ge­tra­ge­nen Gesamt­men­ge wahr­schein­lich, dass es mehr als drei Kubik­me­ter wer­den, gibt es eine auto­ma­ti­sche War­nung aus dem Sys­tem. Bür­ger kön­nen Wunsch­ter­mi­ne ange­ben, im Schnitt braucht der Abfall­ver­band zwei Wochen Vor­lauf­zeit, um sei­ne Tou­ren mög­lichst effi­zi­ent zu pla­nen.

 

▶ Wenn es wirklich zu viel ist

Die ZAH-Mit­ar­bei­ter sind geübt dar­in, drei Kubik­me­ter abzu­schät­zen. „Drei Meter breit, einen Meter hoch, einen Meter tief – das kann man ganz gut erken­nen“, sagt Müll­wer­ker Nor­man John. In der Pra­xis sind die ZAH-Leu­te durch­aus kulant. „Aber wenn das dann fünf oder mehr Kubik­me­ter sind, hört es natür­lich auf“, sagt Geschäfts­füh­rer Krü­ger. „Wir machen dann Fotos, um zu doku­men­tie­ren, wie groß die Men­ge war“, ergänzt John. Dann bleibt ein Teil des Sperr­mülls ste­hen.

 

▶ Und dann?

Es ist eine der häu­fi­ge­ren Dis­kus­sio­nen, die ZAH-Mit­ar­bei­ter am Tele­fon füh­ren müs­sen. Es stand zu viel Sperr­müll an der Stra­ße, die Kol­le­gen haben nicht alles abge­holt. „Dann schimp­fen die Leu­te oft, es sei doch nicht ihre Schuld, wenn jemand anders ein­fach Sperr­müll dazu­ge­stellt habe“, schil­dert ZAH-Geschäfts­füh­rer Jens Krü­ger. „Wir müs­sen dann sagen: Unse­re Schuld ist es auch nicht.“

 

Der Betrof­fe­ne hat dann drei Mög­lich­kei­ten: Er bestellt erneut eine Sperr­müll-Abho­lung – das kann dann zwei Wochen dau­ern. Er bringt den Rest selbst zum Wert­stoff­hof. Oder er lässt ihn ein­fach ste­hen.

 

▶ Wem der Sperrmüll gehört

Letz­te­res ist die Vari­an­te, die dem Betrof­fe­nen und sei­nen Nach­barn am wenigs­ten gefal­len dürf­te – schließ­lich steht das Zeug dann wei­ter vor dem Haus rum. Doch rein recht­lich ist der Fall nun ziem­lich dif­fi­zil. Denn wer Sperr­müll abho­len las­sen will, muss ihn auf öffent­li­chem Grund und Boden abstel­len, also in aller Regel auf dem Geh­weg. „Unse­re Mit­ar­bei­ter dürf­ten nicht auf Pri­vat­grund­stü­cke, wenn es nicht aus­drück­lich ver­ein­bart oder vom Grund­ei­gen­tü­mer an Ort und Stel­le erlaubt wird“, sagt Krü­ger. Was zum Bei­spiel in der Hof­ein­fahrt ste­he, sei Eigen­tum des Anwoh­ners – die­ses mit­zu­neh­men, streng genom­men Dieb­stahl.

 

Ste­hen Tische, Stüh­le, Kühl­schrank und Co. hin­ge­gen auf dem Geh­weg, sind sie tech­nisch gese­hen Eigen­tum der jewei­li­gen Stadt oder Gemein­de, bis der ZAH sie auf­grund der Ver­ein­ba­rung mit dem Vor­be­sit­zer ein­sam­melt und damit selbst in Besitz nimmt. Bleibt also Sperr­müll auf dem Geh­weg ste­hen, muss sich letzt­lich die Kom­mu­ne um die Ent­sor­gung küm­mern – wenn sie den Ver­ur­sa­cher nicht fin­den kann. Und das muss nicht auto­ma­tisch der­je­ni­ge sein, der den Sperr­müll auch bestellt hat­te und der neben­an wohnt – weil eben immer öfter Drit­te ihren Unrat dazu­stel­len.

 

▶ Und auf Privatgrund?

Steht der Sperr­müll hin­ge­gen auf pri­va­tem Grund und Boden, ist die Kom­mu­ne nicht ver­ant­wort­lich – son­dern der Eigen­tü­mer der Flä­che. So wie im jüngs­ten Fall in Och­ter­sum. Dann muss der Grund­be­sit­zer selbst den ZAH mit der Abfuhr beauf­tra­gen und die natür­lich auch bezah­len. 200 bis 300 Euro wer­den dafür laut ZAH-Geschäfts­füh­rer Krü­ger im Schnitt fäl­lig.

 

▶ Zahlen Mieter die Zeche?

Die Och­ter­su­me­rin berich­tet, dass in ihrem Fall die Kos­ten für die Ent­sor­gung des ille­gal auf dem Grund­stück rund um die Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser abge­stell­ten Sperr­mülls auf die Mie­ter umge­legt wor­den sei­en. 24 Mie­ter gibt es, die Kos­ten für den Ein­zel­nen sind über­schau­bar – aber den­noch ärger­lich. „Das kann doch eigent­lich nicht sein, ich habe doch die­sen Sperr­müll nicht zu ver­ant­wor­ten“, klagt die Frau. „Sicher, der Haus­ei­gen­tü­mer kann auch nichts dafür, aber trotz­dem …“

 

Das ist schwer zu akzep­tie­ren“, sagt Vol­ker Spieth, Geschäfts­füh­rer des Mie­ter­ver­eins Hil­des­heim. Doch auch bei ihm folgt ein „Aber trotz­dem“: Es gebe ein Urteil des Bun­des­ge­richts­ho­fes aus dem Jahr 2010, dass es Ver­mie­tern tat­säch­lich erlau­be, Kos­ten für die Ent­sor­gung her­ren­lo­sen Unrats auf ihrem Grund­stück auf Mie­ter umzu­le­gen. „Das muss regel­mä­ßig nötig wer­den, und der Grund­ei­gen­tü­mer muss Prä­ven­tiv­maß­nah­men nach­wei­sen, zum Bei­spiel Ver­bots­schil­der oder der­glei­chen“, berich­tet Spieth. „Aber dann hat der Ver­mie­ter vor Gericht gute Chan­cen.“

 

Dem Deut­schen Mie­ter­bund sei das zwar ein Dorn im Auge: Betriebs­kos­ten müss­ten aus einer Sicht „durch den bestim­mungs­ge­mä­ßen Gebrauch des Objek­tes“ ent­ste­hen, da gehört wil­der Sperr­müll aus Sicht des Ver­ban­des nicht dazu. „Aber es ist aktu­ell die gel­ten­de Rechts­la­ge“, bedau­ert Spieth.

 

▶ Ein gesellschaftliches Problem

Wür­de sich jeder an die Regeln hal­ten, müss­ten die­se Fra­gen gar nicht erst erör­tert wer­den. ZAH-Chef Krü­ger hadert auch damit: „Man kann die Abho­lung zum Wunsch­ter­min kos­ten­los bestel­len, mehr Ser­vice geht doch kaum.“ Doch offen­bar ent­wi­ckel­ten immer mehr Men­schen eine Egal-Men­ta­li­tät, oder es ist ein­fach Unwis­sen­heit. „Nach dem Mot­to: Irgend­wer holt es schon ab, ist doch nicht mein Pro­blem. Die Kos­ten trägt dann die All­ge­mein­heit.“

 

Selbst Fir­men laden ihren Sperr­müll teil­wei­se unge­ord­net und ohne Anmel­dung ab.“
Jens Krü­ger, ZAH-Chef

Gera­de in Gegen­den mit vie­len Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern wer­de das Pro­blem immer grö­ßer. „Die Nord­stadt ist lei­der ein beson­de­res Sor­gen­kind, da brin­gen vie­le ihren Sperr­müll ein­fach zu den Con­tai­ner- Stand­plät­zen.“ Aber auch aus ande­ren Stadt­tei­len wie Och­ter­sum höre er so etwas immer öfter. „Die sozia­le Kon­trol­le ist nicht mehr so da wie frü­her.“

 

 

 

 

 

IN ZAHLEN
2

Fahr­zeu­ge schickt der ZAH jeweils auf Sperr­müll-Tour. Eins, auf dem Bet­ten, Stüh­le, Tische und ande­rer Sperr­müll zer­malmt wer­den, um mög­lichst wenig Platz weg­zu­neh­men, dazu einen Trans­por­ter für Kühl­schrän­ke, Wasch­ma­schi­nen und ande­re gro­ße Elek­tro­ge­rä­te.

38

Sperr­müll-Abho­lun­gen am Tag schaf­fen geüb­te ZAH-Mit­ar­bei­ter wie Nor­man John und Mar­co Heckel in der Spit­ze. „Das sind ech­te All­tags­hel­den“, lob­te ges­tern ein Hil­des­hei­mer Haus­be­sit­zer, des­sen Hof das Duo bin­nen weni­ger Minu­ten von jeder Men­ge Sperr­müll befreit hat­te.

17698

Ton­nen Sperr­müll sam­mel­te der ZAH im Jahr 2017 im Land­kreis Hil­des­heim. Das waren mehr als 2500 Ton­nen mehr als im Jahr davor und ein Rekord­wert.

 

Was ist eigentlich Sperrmüll – und was nicht?

Sperr­müll ist alles das, was man bei einem Umzug aus der Woh­nung mit­neh­men wür­de“, heißt es auf der Home­page des Zweck­ver­ban­des Abfall­wirt­schaft Hil­des­heim (ZAH). „Zum Bei­spiel Möbel, wie Sofas, Bet­ten, Schrän­ke und so wei­ter.“ Ent­ge­gen einer weit ver­brei­te­ten Annah­me gehö­ren Türen oder Heiz­kör­per nicht in den Sperr­müll. Eine Ori­en­tie­rung bie­ten die Bestell­kar­ten sowie das Bestell­for­mu­lar im Inter­net. Dort kön­nen Bür­ger ange­ben, wel­che Gegen­stän­de sie in wel­cher Men­ge an die Stra­ße stel­len wol­len. Ist etwas dort nicht auf­ge­führt, kann das bereits hei­ßen, dass es auch gar nicht in den Sperr­müll gehört. Auf sei­ner Home­page bie­tet der ZAH dazu Sor­tier­hil­fen und Infor­ma­tio­nen. Tele­fo­nisch ist der Ver­band unter 0 50 64 / 905-0 zu errei­chen.

 

Quel­le: Hil­des­hei­mer All­ge­mei­ne Zei­tung, 13. März 2019

Veröffentlicht unter 2019

Liebe Kundinnen und Kunden,
liebe Geschäftspartner,

 

seit dem 11.05.2020 haben wir unsere Geschäftsstellen wieder für den Publikumsverkehr geöffnet.
Bitte nutzen Sie dieses Angebot im Interesse Ihres eigenen Schutzes und des Schutzes unserer Mitarbeiter nur, wenn Ihr persönliches Erscheinen nicht vermeidbar ist. Ansonsten sind wir auch gern per Telefon oder Mail für Sie da.
Wenn Sie uns besuchen, bitten wir Sie
- einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen,
- sich in die vorgeschriebene Besucherliste einzutragen und
- die Abstandsvorschriften (>1,50m)
zu beachten.
Vielen lieben Dank und bleiben Sie gesund.
Ihre kwg