06. November 2017

Sozialforscher blicken in die Zukunft: Wie geht es weiter – zum Beispiel in Giesen?

Wohnen ist das Zauberwort für die Entwicklung von Kommunen. Das Pestel-Institut hat nun die Zukunftschancen für die Gemeinden im Landkreis untersucht.

Blick auf Gie­sen in Rich­tung Nor­den: Vor­ne begrenzt die Wald­stra­ße das Wohn­ge­biet am süd­li­chen Ran­de der Ort­schaft, hin­ten erhebt sich der Kali­berg. FOTO: GOSSMANN

Von Nor­bert Mier­zow­sky

Miet­prei­se explo­die­ren in Groß­städ­ten, vor allem dort herrscht außer­dem gro­ße Woh­nungs­not. Doch nicht nur Ham­burg, Ber­lin oder Mün­chen sind die bun­des­deut­schen Sor­gen­kin­der. Pro­ble­me gibt es auch in andern Regio­nen. Wie im Land­kreis Hil­des­heim und sei­nen Städ­ten und Gemein­den. Dort geht es um die Zukunfts­fä­hig­keit vor Ort, die demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung und damit auch die Haus­auf­ga­ben für die Kom­mu­nal­po­li­tik. Die Warn­si­gna­le für eine vor­aus­schau­en­de Sicht­wei­se gibt es schon lan­ge, vor allem das Pes­tel-Insti­tut aus Han­no­ver hat die hie­si­ge Regi­on sta­tis­tisch schon lan­ge im Blick. Es warn­te zum Bei­spiel 2011 vor einer „grau­en Woh­nungs­not“ im Land­kreis Hil­des­heim: Im Alter in der eige­nen Woh­nung zu blei­ben, wer­de für künf­ti­ge Rent­ner immer schwe­rer. 2016 hat der Land­kreis nun das Pes­tel-Insti­tut mit Sitz in Han­no­ver damit beauf­tragt, in den ein­zel­nen Gemein­den und Städ­ten den Bedarf an sozia­lem Wohn­raum zu unter­su­chen. Dar­aus sind nun umfang­rei­che Stu­di­en gewor­den, die die Ent­wick­lung seit 1995 in den Blick genom­men haben. Am 14. Novem­ber wer­den die ers­ten Ergeb­nis­se für den Land­kreis Hil­des­heim im Kreis­aus­schuss für Bau- und Kreis­ent­wick­lung vor­ge­stellt. Eine Uhr­zeit steht noch nicht fest. „Wir wol­len wis­sen, wie es im Land­kreis mit der Wohn­raum­ver­sor­gung aus­sieht, wo noch Bedarf herrscht“, sagt Kreis-Bau­de­zer­nent Eck­hard Speer als Auf­trag­ge­ber der Stu­die. Er hat dabei den gesam­ten Land­kreis im Blick, auch wie und ob sich im Ver­gleich von Süd- und Nord­ge­mein­den ein Gefäl­le abzeich­net. Dass vie­le Gemein­den im Süd­kreis vor allem mit dem Wohl­fühl­fak­tor punk­ten kön­nen, hat zuletzt die klei­ne Ort­schaft Evero­de zei­gen kön­nen, die als Sie­ger aus dem Wett­be­werb „Unser Dorf hat Zukunft“ her­vor­ge­gan­gen ist. Doch es gel­ten auch har­te wirt­schaft­li­che Fak­ten. Des­we­gen hat die Ent­wick­lung in Han­no­ver auch Aus­wir­kun­gen auf die Aus­deh­nung des soge­nann­ten Speck­gür­tels in Rich­tung Sar­stedt und mitt­ler­wei­le auch für Gemein­den wie Alger­mis­sen und Gie­sen. In den nächs­ten Wochen wer­den die Ergeb­nis­se für die ein­zel­nen Gemein­den vor­lie­gen und in den Aus­schüs­sen und Frak­tio­nen bera­ten. Gie­sen hat bereits damit begon­nen. In der jüngs­ten Finanz­aus­schuss- Sit­zung war die Stu­die zur Bevöl­ke­rung und zum Woh­nungs­markt The­ma auf der Tages­ord­nung. Doch die Debat­te blieb zunächst an der Ober­flä­che. Ein­zig die SPD-Abge­ord­ne­ten Tho­mas Raue und Bernd West­phal sowie Lars Ham­pel von den Grü­nen mahn­ten an, die Impul­se für eine Debat­te auf­zu­grei­fen. Raue reg­te unter ande­rem an, die Zuwan­de­rer­po­li­tik in den Fokus zu rücken. Denn das ist eines der Ergeb­nis­se der Stu­die für Gie­sen: „Per Sal­do erziel­te die Gemein­de Gie­sen seit 1989 gegen­über der Stadt Hil­des­heim einen Wan­de­rungs­ge­winn von gut 1030 Per­so­nen.“

 

Ähn­lich wie bei der Wäh­ler­wan­de­rung gibt es auch Sta­tis­ti­ken dar­über, wie sich Zu- und Fort­zü­ge abbil­den. Der Vor­sprung von knapp über 1000 resul­tiert aus Zuzü­gen aus Hil­des­heim von knapp 5000 Men­schen in die­sem Zeit­raum. Das wird unter ande­rem auch an dem Fak­tor Arbeits­plät­ze lie­gen. Auch hier punk­tet Gie­sen: „Seit 1995 ist die Zahl der Arbeits­plät­ze um 30 Pro­zent gestie­gen.“ Im Ver­gleich dazu der Kreis Hil­des­heim mit ins­ge­samt einem Minus von 0,9 Pro­zent oder das Land Nie­der­sach­sen mit immer­hin einem Plus von 17,7 Pro­zent.

 

Soll­te es in naher oder mitt­le­rer Zukunft außer­dem dazu kom­men, dass das ruhen­de Kali­berg­werk wie­der sei­nen Betrieb auf­nimmt, dürf­te sich Bür­ger­meis­ter Andre­as Lücke die Hän­de rei­ben: Das ver­spricht mit Sicher­heit einen kräf­ti­gen Schub auch bei der Ein­woh­ner­zahl. Und damit auch bei den Ein­nah­men aus der Ein­kom­mens­steu­er. Abge­se­hen von den spru­deln­den Gewer­be­steu­er­ein­nah­men. Ein Paket, dass die Gemein­de in die Lage ver­set­zen dürf­te, kräf­tig in die Infra­struk­tur zu inves­tie­ren. Und so lau­tet bereits jetzt eine Emp­feh­lung aus der Stu­die: „Die Arbeits­plät­ze in der Gemein­de Gie­sen sind aktu­ell zu 79 Pro­zent von Ein­pend­lern besetzt.“ Das sei eine gro­ße Chan­ce, die Ein­pend­ler für den Wohn­ort Gie­sen zu gewin­nen.

 

Doch das Gegen­teil ist der Fall. Schaut man auf die Gra­fik mit der Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung, schlägt die Kur­ve immer wie­der kräf­tig nach oben, aber auch nach unten aus. Auf­fäl­lig sei­en aber die Wan­de­rungs­ge­win­ne aus den Jah­ren 1995 bis 2000 aus der Stadt Hil­des­heim. Doch die sei­en danach stark abge­flaut. Ein Fazit der Stu­die lau­tet, dass klei­ne­re Wan­de­rungs­be­we­gun­gen vor allem an der Ver­bes­se­rung der Wohn­si­tua­ti­on lie­gen, zum Bei­spiel an neu­en Bau­ge­bie­ten. Groß­räu­mi­ge Wan­de­run­gen wer­den eher durch Ver­än­de­run­gen auf dem Arbeits­markt her­vor­ge­ru­fen. Ins­ge­samt sieht die Bilanz der Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung für die Gemein­de aus demo­gra­fi­scher Sicht eher düs­ter aus: Das Durch­schnitts­al­ter ist seit 1995 – trotz der Wan­de­rungs­ge­win­ne – von 40 auf knapp 47 Jah­re gestie­gen. Mit ande­ren Wor­ten: Gie­sen altert. Es domi­nie­ren eher älte­re Erwerbs­tä­ti­ge im Alter von 40 bis 65 Jah­ren, also der gebur­ten­star­ken Jahr­gän­ge. Deren Kin­der zie­hen eher in Metro­po­len um. Woh­nun­gen wer­den dadurch nicht frei, die Eltern blei­ben in ihren Häu­sern. Und damit häu­fig mit dem Pro­blem allei­ne, die Ener­gie­sa­nie­rung zu betrei­ben. Denn 63 Pro­zent des Wohn­be­stan­des ist vor 1978 errich­tet wor­den, daher herrscht hier ener­gie­tech­nisch noch kräf­ti­ger Nach­hol­be­darf.

 

Der Bevöl­ke­rungs­schub aus der soge­nann­ten Sub­ur­ba­ni­sie­rung hat stark nach­ge­las­sen, das heißt der Zuwan­de­rungs­ge­winn aus Hil­des­heim und Han­no­ver gerät ins Sto­cken. Wer sich für ein Leben auf dem Lan­de ent­schei­det, und das betrifft vor allem auch jun­ge Fami­li­en, hat häu­fig meh­re­re Fak­to­ren im Blick: Wie sieht die Infra­struk­tur mit Kin­der­gär­ten und Schu­len aus? Wie ist es mit dem Wert­ver­lust von Immo­bi­li­en auf dem Land? Jun­ge Erwerbs­tä­ti­ge haben heut­zu­ta­ge eine höhe­re Mobi­li­tät auf dem Arbeits­markt und nei­gen daher nicht dazu, sich regio­nal mit einer eige­nen Immo­bi­lie zu bin­den. „Der Kom­pro­miss der Wohn­stand­ort­su­che jun­ger Fami­li­en ver­schiebt sich in Rich­tung Miet­woh­nung in der Stadt“, lau­tet ein Fazit der Stu­die.

 

Die endet mit drei Sze­na­ri­en für Gie­sen. Bes­ten­falls sinkt die Ein­woh­ner­zahl auf 9400, schlech­tes­ten­falls auf 8300 Men­schen. Wäh­rend damit in jedem der drei Sze­na­ri­en die Alters­grup­pe der Erwerbs­tä­ti­gen schwin­det, steigt der Anteil der Senio­ren steil an. Ein Ergeb­nis, dass das Pes­tel-Insti­tut bereits 2011 vor­aus­ge­sagt hat­te. Es emp­fiehlt der Gemein­de, unmit­tel­bar bebau­ba­re Grund­stü­cke vor­zu­hal­ten, um Zuwan­de­rer zu bin­den. Und es soll­ten Pro­jek­te für bar­rie­re­frei­es Woh­nen geför­dert wer­den, hier­zu bedarf es aller­dings in der Regel exter­ne Inves­to­ren. Ins­ge­samt gilt für die Kom­mu­nal­po­li­tik: Es müs­sen wohn­po­li­ti­sche Zie­le gesetzt und die ent­spre­chen­den Bedin­gun­gen geschaf­fen wer­den.

 

IN ZAHLEN
9794

Ein­woh­ner hat die Gemein­de Gie­sen der­zeit, ein Vier­tel davon ist über 60 Jah­re alt. Die Zahl wird sich laut Pes­tel-Stu­die bis 2035 ver­rin­gern – im schlimms­ten Fall auf 8300.

 

80

Jah­re ist das Alter, in dem durch­schnitt­lich betrach­tet die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit des Men­schen in Deutsch­land stark ansteigt. In Gie­sen wird der Anteil der Über-80-Jäh­ri­gen im Jahr 2035 vor­aus­sicht­lich bei knapp 33 Pro­zent lie­gen.

 

560

Zwei­fa­mi­li­en­häu­ser wur­den in Gie­sen gezählt, das heißt, dass 12 Pro­zent des Woh­nungs­be­stan­des auf eine zwei­te Woh­nung im Haus ent­fal­len. Nur: Vie­le Eigen­tü­mer haben kein Inter­es­se an einer Ver­mie­tung.

 

„Seit 1995 ist die Zahl der Arbeitsplätze um 30 Prozent gestiegen.“

Pes­tel-Stu­die Aus­wer­tung zur Ent­wick­lung der Gemein­de, Stand August 2017

 

Energiesparen als Aufgabe

Knapp 43 Pro­zent der Häu­ser in Gie­sen wur­den in den Jah­ren zwi­schen 1949 und 1978 errich­tet, in einer Zeit, in der Ener­gie­spar­maß­nah­men so gut wie kei­ne Rol­le spiel­ten. 19 Pro­zent wur­den zwi­schen 1991 und 2000 gebaut, das ist mehr als im Lan­des­schnitt. Der liegt bei 15,6 Pro­zent. Trotz­dem gibt es in Gie­sen noch ein erheb­li­ches Ein­spar­po­ten­zi­al beim The­ma Ener­gie­kos­ten.

 

Das Pestel-Institut und sein Gründer

Der gebür­ti­ge Hil­des­hei­mer Edu­ard Pes­tel (1914) ist Grün­der des nach sei­nem Tod 1988 umbe­nann­ten Pes­tel-Insti­tuts für Sys­tem­for­schung. Gegrün­det wur­de es nach einem Auf­trag der Bun­des­re­gie­rung für ein com­pu­ter­ge­stütz­tes Modell für die Zukunft Deutsch­lands. Pes­tel war Grün­dungs­mit­glied des Club of Rome, das unter ande­rem mit der Ver­öf­fent­li­chung des Daten­ma­te­ri­als zu den „Gren­zen des Wachs­tums“ 1972 welt­wei­tes Auf­se­hen erregt hat und als ein Vor­läu­fer der öko­lo­gi­schen Bewe­gung gilt. Edu­ard Pes­tel hat­te als Jugend­li­cher erst Mau­rer gelernt und hat dann in Hil­des­heim die Inge­nieur­schu­le besucht und in Han­no­ver an der TH Mecha­nik stu­diert, wo er nach dem Zwei­ten Welt­krieg eine Pro­fes­sur erhielt. Pes­tel mach­te schnell Kar­rie­re, unter ande­rem im NATO-Wis­sen­schafts­aus­schuss, im Kura­to­ri­um der Stif­tung Volks­wa­gen­werk oder in der Fraun­ho­fer-Gesell­schaft für ange­wand­te For­schung. Von 1977 bis 1981 war er nie­der­säch­si­scher Minis­ter für Wis­sen­schaft und Kunst. Erst 2016 wur­de sein poli­ti­sches Enga­ge­ment im Faschis­mus bekannt, er war Mit­glied der SA und des NS-Stu­den­ten­bun­des. In den letz­ten drei Kriegs­jah­ren des Zwei­ten Welt­kriegs war er als Inge­nieur in Japan tätig. Das Pes­tel-Insti­tut Han­no­ver hat sich auf wirt­schaft­li­che Ana­ly­sen für Kom­mu­nen und Land­krei­se spe­zia­li­siert, um Zukunfts­sze­na­ri­en dar­zu­stel­len, beson­ders für den Bereich der Woh­nungs­märk­te.

 

Quel­le: Hil­des­hei­mer All­ge­mei­ne Zei­tung, 06. Novem­ber 2017

Veröffentlicht unter 2017

Liebe Kundinnen und Kunden,
liebe Geschäftspartner,

 

seit dem 11.05.2020 haben wir unsere Geschäftsstellen wieder für den Publikumsverkehr geöffnet.
Bitte nutzen Sie dieses Angebot im Interesse Ihres eigenen Schutzes und des Schutzes unserer Mitarbeiter nur, wenn Ihr persönliches Erscheinen nicht vermeidbar ist. Ansonsten sind wir auch gern per Telefon oder Mail für Sie da.
Wenn Sie uns besuchen, bitten wir Sie
- einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen,
- sich in die vorgeschriebene Besucherliste einzutragen und
- die Abstandsvorschriften (>1,50m)
zu beachten.
Vielen lieben Dank und bleiben Sie gesund.
Ihre kwg