04. Juni 2013

Von der Voss-Straße aus die Welt erkundet

Seit 62 Jahren in KWG-Wohnungen: Ruth und Alfred Scheffler sind kreisweit die treuesten Mieter der Kreiswohnbau

Sar­stedt (tw). Die Kreis­wohn­bau Hil­des­heim (KWG) hat kei­ne treue­ren Mie­ter als Ruth und Alfred Scheff­ler aus Sar­stedt. Seit 62 Jah­ren sind sie dem größ­ten Woh­nungs­un­ter­neh­men der Regi­on als Mie­ter ver­bun­den – län­ger ist kreis­weit kein ande­rer Kun­de dabei.

 

So stan­den die Scheff­lers nun wie­der bei einem Dan­ke­schön-Tref­fen für lang­jäh­ri­ge Mie­ter im Mit­tel­punkt. Zu dem hat­te die Kreis­wohn­bau alle Jubi­la­re ins Hil­des­hei­mer Thea­ter ein­ge­la­den, die seit 25, 40 oder 50 Jah­ren in einer der 4700 Wohn­ein­hei­ten leben, die der­zeit zum ver­wal­te­ten Bestand der KWG gehö­ren. Wer seit mehr als 55 Jah­ren zum Kreis der Mie­ter gehört, wird jedes Jahr zu die­sem Tref­fen ein­ge­la­den – wie das Ehe­paar Scheff­ler aus Sar­stedt.

 

Im Grun­de war die KWG auch der Grund, war­um Ruth Scheff­ler, heu­te 88, und Alfred Scheff­ler, 91, sich vor fast 62 Jah­ren das Ja-Wort gaben. „Wir durf­ten unse­re ers­te gemein­sa­me Woh­nung nur behal­ten, wenn wir ver­hei­ra­tet waren“, erzählt die 88-Jäh­ri­ge. Die bei­den kann­ten sich nicht mal ein Jahr, sie hat­ten sich bei einem DRK-Ver­gnü­gen ken­nen­ge­lernt und mit der Hoch­zeit sonst noch ein wenig gewar­tet. Doch ohne Trau­schein zusam­men zu woh­nen – das war damals noch tabu, so ging es mit der Hei­rat eben etwas schnel­ler.

 

Die Zwangs­hei­rat hat die bei­den trotz­dem glück­lich gemacht: „Es hat seit­dem ganz gut geklappt“, erzählt sie schmun­zelnd. Er war aus Königs­berg nach Sar­stedt gekom­men, sie aus Bres­lau – und in der Bres­lau­er Stra­ße bezo­gen sie ihre ers­te gemein­sa­me Woh­nung bei der Kreis­wohn­bau. Das war 1951, im Jahr 1969 zogen die bei­den an die Voss-Stra­ße um – und leben dort heu­te noch im zwei­ten Stock. Es wird zwar beschwer­li­cher, die Trep­pen hoch­zu­kom­men – doch noch klappt es, ab und zu hel­fen Nach­barn beim Hoch­tra­gen der Ein­käu­fe. In der Nach­kriegs­zeit arbei­te­te Alfred Scheff­ler als Kfz-Meis­ter oft bis in die Nacht. „Manch­mal kam er erst mor­gens nach Hau­se“, erin­nert sich sei­ne Frau. „Das war damals so üblich“, ergänzt er, „die Leu­te haben frei­wil­lig mehr gear­bei­tet, und Über­stun­den wur­den gut bezahlt.“

 

Das Paar ent­schied sich, kein eige­nes Haus zu bau­en und wei­ter zur Mie­te zu woh­nen. Schließ­lich hat­ten die bei­den kei­ne Kin­der – so setz­ten sie ande­re Schwer­punk­te: Sie reis­ten um die Welt, erleb­ten meh­re­re Kreuz­fahr­ten in der Kari­bik, jet­te­ten nach Mexi­ko, Kana­da, in die USA. Sie flo­gen mal nach Tene­rif­fa, mal nach Mal­lor­ca, hat­ten eine eige­ne Feri­en­woh­nung in Hei­li­gen­ha­fen an der Ost­see. Alfred Scheff­ler erkun­de­te auch Japan. „Das war die ein­zi­ge Rei­se, die ich allein gemacht habe“, erzählt er, „sonst waren wir immer zusam­men unter­wegs.“

 

Irgend­wann ver­zich­te­te das Paar dar­auf, den Bal­kon mit Topf­blu­men zu schmü­cken – so muss­te es nie­man­den mehr suchen, der sich wäh­rend ihrer häu­fi­gen Abwe­sen­heit um die Pflan­zen küm­mer­te. Die Vide­os und Foto­al­ben von Rei­sen in unter­schied­li­che Ecken der Welt fül­len heu­te in der Woh­nung an der Voss- Stra­ße man­ches Fach in den Schrän­ken und Rega­len. Manch­mal, wenn nichts Geschei­tes im Fern­se­hen kommt, schie­ben die bei­den gern mal einen sol­chen Film vol­ler Erin­ne­run­gen in den Recor­der und gehen noch ein­mal gedank­lich auf Rei­sen – in der Wirk­lich­keit sind sie heu­te nicht mehr so viel unter­wegs, das Rei­sen ist im Alter zu anstren­gend gewor­den. Da genießt das Paar eher den Aus­blick vom Bal­kon auf die Blät­ter­dä­cher gro­ßer Bäu­me.

 

In Gie­bel­stieg hat sich eini­ges ver­än­dert, seit sie an der Voss-Stra­ße ein­ge­zo­gen sind. Neue Häu­ser sind um sie her­um gewach­sen. „Der Back­stein­bau stand frü­her ganz allein hier“, sagt Alfred Scheff­ler beim Blick aus dem Fens­ter.

 

Bei dem Dan­ke­schön-Tref­fen der KWG war wie in den Vor­jah­ren wie­der man­cher Mie­ter aus Sar­stedt ver­tre­ten. Das 50-jäh­ri­ge Mie­ter­ju­bi­lä­um fei­er­ten in die­sem Jahr Heinz und Vera Mischok sowie Franz Gott­wald aus Sar­stedt, seit 40 Jah­ren woh­nen die Sar­sted­ter Ehe­paa­re Eber­hard und Hel­ga Schlich­t­ing sowie Man­fred und Stef­fi Meir­on­ke in einer Woh­nung der Kreis­wohn­bau.

 

Die jähr­li­chen Tref­fen sei­en auch für den Ver­mie­ter wich­tig, betont KWG­Spre­cher Mila­no Wer­ner. „Da hat man mal außer­halb der geschäft­li­chen Din­ge in einem ande­ren Rah­men mit­ein­an­der zu tun, lernt ein­an­der ganz anders ken­nen.“

 

Quel­le: Sar­sted­ter Anzei­ger der Hil­des­hei­mer All­ge­mei­nen Zei­tung, 04. Juni 2013

Veröffentlicht unter 2013