27. August 2013

Wellblech wird theatralisch

Zweiter Akt: 15 junge Menschen aus elf Ländern verschönern TfN-Produktionshalle

Der rote Vor­hang steht für Thea­ter. Mit Krepp­pa­pier hat die 18-jäh­ri­ge Vic­to­ria aus der Ukrai­ne für einen gera­den Abschluss gesorgt. Foto: Hart­mann

Von Mar­ti­na Pran­te

HILDESHEIM. Sie kom­men aus Japan, der Ukrai­ne, Aser­bai­dschan oder Frank­reich. 15 jun­ge Men­schen aus elf Län­dern ste­hen zur­zeit auf dem Gerüst vor dem Pro­duk­ti­ons­ge­bäu­de des Thea­ter für Nie­der­sach­sen (TfN) im Gül­den­feld und schwin­gen den Pin­sel. Ihr Ziel: den brau­en Schuh­kar­ton inner­halb von drei Wochen in ein fröh­li­ches Thea­ter­do­mi­zil zu ver­wan­deln. Im ers­ten Akt hat­ten die Teil­neh­mer des Work­camps der Inter­na­tio­na­len Jugend­ge­mein­schafts­diens­te (ijgd) im ver­gan­ge­nen Jahr den Por­ti­kus des Stadt­thea­ters in sechs­fa­cher Aus­füh­rung auf das Well­blech gezau­bert. Gera­de Lini­en und Win­kel. Dies­mal durf­te es schwie­ri­ger sein, erklärt Kath­rin Cor­netz, die wie­der die künst­le­ri­sche Gesamt­lei­tung über­nom­men hat. Vor­hän­ge, Bret­ter­bo­den und sogar sze­ni­sche Dar­stel­lun­gen von Men­schen erfor­dern schon mehr Geschick­lich­keit beim Umgang mit Far­be und Scha­blo­nen.

 

Und die 28-Jäh­ri­ge, die nach ihrem Prak­ti­kum als Thea­ter­ma­le­rin inzwi­schen in Pots­dam Psy­cho­lo­gie stu­diert, ist sehr zufrie­den mit ihren jun­gen Künst­lern. 65 Meter der tris­ten Fas­sa­de dür­fen ver­schö­nert wer­den. „Unser größ­tes Gebäu­de“, betont Mat­thi­as Kauf­mann, Geschäfts­füh­rer der Kreis­wohn­bau, die die Hal­le mit Mit­ei­gen­tü­mer gbg dem TfN zur Ver­fü­gung gestellt hat.

 

Und Kauf­mann kann sich eine Fort­set­zung des Mal­som­mers auch im kom­men­den Jahr vor­stel­len: „Wir haben ja noch ein paar Meter Fas­sa­de“, ver­weist er schmun­zelnd auf die ande­re Sei­te des Gebäu­des, in dem bis­her erst der Fun­dus und eine Pro­be­büh­ne unter­ge­bracht sind. Ziel ist, bis nächs­ten Som­mer sämt­li­che Werk­stät­ten aus der Innen­stadt in das ehe­ma­li­ge Möbel­haus umzu­la­gern.

 

Auch die Gäs­te haben sich das lan­ge Haus bereits von innen ange­se­hen: „Gro­ße Sta­tu­en, Kof­fer, Fahr­rä­der und jede Men­ge Klei­der“, staunt Mar­ko Mila­no­vic. Der 22-jäh­ri­ge Ser­be ist zum zum zwei­ten Mal beim ijgd in Deutsch­land, „weil ich das Kon­zept der Work­camps gut fin­de“. Die Arbeit daue­re nur bis 15 Uhr, dann „kochen und put­zen wir gemein­sam“, erzählt der Wirt­schafts­stu­dent. Die Teil­neh­mer bekom­men kei­nen Arbeits­lohn, dafür Unter­kunft und Ver­pfle­gung frei. Auch Hil­des­heim und die Umge­bung haben er und ande­re Camp­teil­neh­mer schon ken­nen­ge­lernt. „Ich mag den Markt­platz. Das ist fried­lich ruhig, hier ist es gut zum Leben und nicht so voll.“

 

Auch Ami Kato aus Japan ist begeis­tert: „In Hil­des­heim ist alles so schön, so anders als in mei­ner Hei­mat“, fin­det die 19-Jäh­ri­ge. Sie ist zum ers­ten Mal bei einem Work­camp und zum ers­ten Mal in Deutsch­land, „weil ich mei­ne Eng­lisch­kennt­nis­se ver­bes­sern und eine ande­re Kul­tur ken­nen­ler­nen woll­te“. Sie habe viel Spaß, auch wenn es schwie­rig sei, „mit den ande­ren zusam­men­zu­kom­men“. So ken­ne man in Japan kei­ne Duschen: „Wir baden.“ Und statt Brot, Käse und Wurst, „essen wir immer Reis“. Anfangs habe sie Heim­weh gehabt, „aber jetzt nicht mehr“. Strahlt sie und klet­tert auf der Lei­ter wie­der auf das Gerüst.

 

Die Grup­pe ist schon weit, „Mit­te nächs­ter Woche sind wir schon fer­tig“, kon­sta­tiert Kath­rin Cor­netz, die froh ist, auch ein­mal wie­der prak­tisch arbei­ten zu dür­fen. „Ich bin auch nächs­tes Jahr gern wie­der mit dabei!“

 

Quel­le: Hil­des­hei­mer All­ge­mei­ne Zei­tung, 27. August 2013

Veröffentlicht unter 2013