„Dieses System ist aus dem Ruder gelaufen“

Vielzahl an Vorschriften verteuert Bauprojekte nach Einschätzung von Experten immer mehr – „Gebäudetyp E“ könnte Abhilfe schaffen
Berlin. Wer in Deutschland bauen will, muss sich an zahlreiche Regeln halten – an zu viele, finden Wissenschaftler zweier Bauforschungsinstitute.
Sie haben sich die Normen auf dem Bau genauer angesehen und kommen zu dem Schluss: Bauen wird dadurch erheblich teurer. Gut ein Fünftel des Kostenanstiegs seit 2000 gehe auf Normen zurück, rechnet Dietmar Walberg vor. „All diese Regelwerke haben am Preisauftrieb der letzten 25 Jahre einen Anteil von 20 Prozent“, sagte der Leiter des Kieler Bauforschungsinstituts ARGE dem Redaktions Netzwerk Deutschland (RND).
„Dieses System ist aus dem Ruder gelaufen.“ Dabei hätten Normen eigentlich einmal eine sinnvolle Funktion gehabt. Bauen sei so überhaupt erst möglich gewesen. „Jetzt sind wir aber an dem Punkt, an dem wir jedes Detail normen wollen“, kritisierte Walberg. Teilweise würden sich Details auch widersprechen. Sei etwa wegen der Barrierefreiheit eine Schwellenlosigkeit gefordert, müsse andererseits die Abdichtung so geregelt sein, dass keine Feuchtigkeit austritt. So etwas komme einem „Normenwiderspruch“ gleich.
Heike Böhmer, Direktorin des Instituts für Bauforschung (IFB) in Hannover, sieht das ähnlich: „Indem ich immer mehr und komplexere Anlagentechnik und viel dickere Wärmedämmschichten plane, erwarte ich plötzlich eine Qualität und Genauigkeit, die man draußen in der Umsetzung nur noch ganz schwer herstellen kann.“ Auf Baustellen führe das immer wieder zu Problemen. Beide Forscher schlagen deshalb Alarm: Der „Normen-Frust“ in der Bauwirtschaft sei enorm. Wer mehr Wohnungen bauen wolle, müsse dringend bei den Normen ansetzen. Deutschland brauche eine „Radikalkur bei den Normen“, fordern Walberg und Böhmer. Sie haben daher am Mittwoch eine „Baunormen-Konferenz“ ins Leben gerufen. Damit in Deutschland wieder schneller und günstiger gebaut werden kann, fordern sie unter anderem einen „Basis-Standard-Wohnungsbau“. Die Idee dahinter ist, ein günstiges Haus mit grundlegenden Standards zu fördern. Will ein Bauherr höhere Standards, muss er sie selbst bestellen und bezahlen. Zudem setzen die Wissenschaftler auf den sogenannten Gebäudetyp E. Auch dessen Ziel ist es, einfacher ins Bauen zu kommen. Beim Gebäudetyp E könne man auf kostspielige Extras verzichten, erklärt Walberg. So lasse sich beispielsweise die Zahl der Steckdosen im Bad oder im Kinderzimmer in den meisten Fällen reduzieren.
Bundesbauministerin Verena Hubertz und Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (beide SPD) wollen dazu bald einen Gesetzentwurf vorlegen.