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Erst werden Fledermäuse ausquartiert, dann folgt Abriss

Von Ann-Cathrin OelkersFotos von Karsten Passior/HAZ (Archiv)
Vorschau des Presseartikels Erst werden Fledermäuse ausquartiert, dann folgt Abriss
Die Kirche St. Michael in Nordstemmen soll bald dem Erdboden gleichgemacht werden. Oberes Bild: Kuschelrunde am Gotteshaus – schlafende Zwergfledermäuse, die ein neues Zuhause haben.

Eine Nordstemmer Kirche wird bald abgetragen – Zuvor geht’s um Tiere

Wildkräuter wachsen aus den Fugen, Sträucher schießen in die Höhe, die Fassade wirkt zunehmend verwittert. Die vor zwei Jahren profanierte Kirche St. Michael bekommt nach und nach den Charakter eines Lost Places. Doch damit wird bald Schluss sein. In diesen Tagen starten die Abrissarbeiten.


Die Kreiswohnbaugesellschaft (kwg) plant auf dem Areal zwei Mietshäuser mit je 15 Wohnungen. Ein Objekt wird als öffentlich geförderter Sozialwohnungsbau realisiert.


Aber: Fledermäuse hatten den Abriss ausgebremst. Die geschützten Tiere hatten hinter der Fassadenverkleidung Quartier genommen und dort auch ihren Nachwuchs großgezogen. Der ist mittlerweile flügge. Fledermausexperte Karsten Passior konnte die im Versteck verbleibenden Fledertiere daher mit Unterstützung des Abrissunternehmens in einer sechsstündigen Rettungsaktion ausquartieren. Mit allergrößter Vorsicht wurden die in gut zwölf Metern Höhe angebrachten Blenden entfernt, insgesamt gut 52 Meter. Dabei entdeckte Passior neben Zwergfledermäusen unter anderem zwei männliche Breitflügelfledermäuse.


Ein Quartier der spät ausfliegenden Fledermausart hatte in Nordstemmen bis dahin noch nicht nachgewiesen werden können. Eine kleine Überraschung waren auch einige Rauhautfledermäuse, die sich ebenfalls in der Giebelspitze versteckt hatten und die selbst von Experten nur anhand des Flugbilds nicht leicht von Zwergfledermäusen zu unterscheiden sind. Zwei Zwergfledermäuse sowie 14 Zwerg- oder Rauhautfledermäuse konnten selbst abfliegen – auch wenn nicht alle der schlafenden Untermieter sofort davon flatterten. Manche Tiere brauchten einen Moment, um aktiv zu werden. Wie Passior erklärt, können Fledermäuse nicht jederzeit losfliegen.


Während des Schlafs senken sie ihre Körpertemperatur ab, um Energie zu sparen, und müssen den Stoffwechsel zum Aufwachen wieder hochfahren. „Sie müssen sich auf 36 Grad Körpertemperatur warmzittern“, so der Experte. Für möglicherweise nicht abflugbereite Tiere hat er vorsorglich eine Dose dabei, um sie abends in der vertrauten Umgebung wieder auswildern zu können.


Wohnungslos werden die Tiere nach Einschätzung des Fledermausbetreuers nicht, in dieser Hinsicht gibt Passior Entwarnung. Der Grund ist einfach: Die Tiere sind zwar standorttreu, nutzen je nach Witterung aber verschiedene Unterschlüpfe innerhalb ihres Reviers.


Nach dem Auszug der tierischen Kirchenbewohner könnten in zwei bis vier Wochen die Abbruchbagger rollen. Das genaue Datum wird laut Jörg Berens von der kwg davon abhängen, wie schnell der Rückbau im Inneren voranschreitet. Wegen der dort verbauten Schadstoffe ist unter strikten gesetzlichen Vorgaben Handarbeit gefragt. Dabei geht es in erster Linie um die als „lungengängig“ und damit krebserregend geltende Mineralwolle unter den Holzverkleidungen. „Asbest hält sich in Grenzen“, sagt Berens. Sobald die Innenarbeiten abgeschlossen sind, setzt das Abbruchunternehmen die Abrissarbeiten außen fort.

Hildesheimer Allgemeine Zeitung
01. September 2026
Erst werden Fledermäuse ausquartiert, dann folgt Abriss – Pressearchiv – kwg Kreiswohnbaugesellschaft Hildesheim mbH