Kleines Relikt, große Geschichte: Ein Holzbalken und seine Spur zum Bombenangriff auf Hildesheim

Hildesheim - Bei Arbeiten an der Hildesheimer Kaiserstraße ist ein Überbleibsel von der Bombardierung Hildesheims am 22. März 1945 aufgetaucht.
Hildesheim – Matthias Kaufmann geht im ersten Stock des Gebäudes Kaiserstraße 19 in die Hocke und stellt einen kleinen verkohlten Holzklotz in eine Vertiefung auf dem Fußboden. „Den haben Arbeiter an dieser Stelle gefunden“, sagt der Geschäftsführer der kwg Kreiswohnbaugesellschaft Hildesheim. Ein verkohltes Stück Holz ist im Grunde nichts Besonderes. Doch dieses Exemplar ist es dann doch: Es trägt die Spuren der Bombardierung Hildesheims vom 22. März 1945. Und das lässt sich sehr genau nachvollziehen. Aber der Reihe nach.
Das Gebäude gehört der größten Baugesellschaft im Landkreis Hildesheim seit 2017. Errichtet hatte es um 1910 der Landkreis, der hier in den ersten 17 Jahren sein Gesundheitsamt einquartierte. 1927 bauten Arbeiter es zum Kreishaus um, am 22. März 1945 fiel es wie weite Teile der Umgebung nach schweren Bombentreffern in sich zusammen. Auf den ersten Fotos danach, 1947 aufgenommen, recken sich die oberen Etagen noch wie ein hohler Zahn empor. Lediglich im Erdgeschoss ist schon wieder Betrieb in den Büros.
Alles verschwand unter tonnenweise Material
Die Arbeiter hatten die Decke zum ersten Stock dafür notdürftig mit einer Teerfolie abgedichtet, damit von oben keine Feuchtigkeit eindringt. Bei späteren Arbeiten wurden dann die Teer-Bahnen nach und nach bedeckt. Das Teer samt verkohltem Balken und allem anderen, das noch auf die Zerstörung und den anschließenden Wiederaufbau schließen ließen, verschwanden unter tonnenweise Material.
Dass all das wieder zum Vorschein kam, ist wohl einem Zufall zu verdanken. Die kwg ließ das Haus 2023/24 für das Veterinäramt und die Leitstelle für den Katastrophenschutz umbauen. Im Januar 2025 zogen die Landkreis-Behörden ein – kurze Zeit später stellten Mitarbeitende einen merkwürdigen Geruch nach Teer in einigen Büros fest. Nach umfangreichen Untersuchungen stand fest, dass der Geruch von den einst provisorisch aufgebrachten dicken Pappen stammt. Arbeiter trugen 15 Zentimeter, manchmal sogar mehr Estrich und weitere Schichten ab, stießen am Ende auf die Pappe – und mit dem angekohlten Balken auf ein Relikt vom Ende der Kriegszeit.
Stammt der „Krater“ von einem Treffer am 22. März 1945?
Daneben fanden sie einen 80 mal 80 Zentimeter großen „Krater“, etwa 20 Zentimeter tief, der vielleicht von einem Treffer übriggeblieben ist. „Alle Decken darüber waren aus Holz“, berichtet Kaufmann. Die Geschosse durchbohrten sie vermutlich leicht. Erst die Betondecke stellte vielleicht ein Hindernis dar.
Historische Fotos von dem Gebäude Kaiserstraße 19 gibt es nur wenige. Einige, von der anderen Straßenseite aufgenommene, stammen aus dem Archiv des Landkreises. Und eines, aus weiter Ferne fotografiert, hat Kaufmanns Großvater Otto etwa 1925 vom Turm der Andreaskirche aus aufgenommen. Das Bild zeigt Teile der Innenstadt, mit Jakobikirche, Hohem Weg und Almsstraße – und eher klein als „Beifang“ die weiße Jugendstilfassade des damaligen Kreisgebäudes. Das hatte damals charmante Jugendstilelemente wie zwei schmuckvolle Balkone zur Kaiserstraße raus, Eierfenster und geschmückte Giebel.
Die kwg hat mehrere alte Elemente behalten
Davon ist heute nicht mehr viel geblieben. Obwohl sich die kwg bemüht hat, gleich mehrere ältere Elemente, die allerdings erst nach dem Wiederaufbau integriert wurden, zu übernehmen. Zum Beispiel die alte Eingangstür, zwei große Lampen links und rechts über der Tür sowie die metallenen Geländer im Treppenhaus, die unten eine kupferne Kugel als Blickfang tragen.
Im ersten Stock liegt der Fußboden dieser Tage auf etwa 400 Quadratmetern nackt da. Der Blick des Betrachters fällt auf zahlreiche Stahlträger, Ziegelsteinmauern und Leitungen aus dem Jahr 1910. In dem Bereich, wo der Balkon zur Kaiserstraße ragte, sind innen noch Fliesen zu sehen. „Vielleicht, damit man keine Feuchtigkeit von außen in den Raum brachte“, sagt Kaufmann. „Vielleicht stand hier früher aus ein Ofen.“
Erinnerungen an Zerstörungen am Hindenburgplatz
Der kwg-Chef fühlt sich von all dem auch sehr an seine eigene Familiengeschichte erinnert. Sein Elternhaus am Hindenburgplatz war 1945 ebenfalls bis auf die Beton- und Strahlträgerdecke über dem Erdgeschoss abgebrannt. Auch dort, im Haus von Otto Kaufmann, verbrannten die darüberliegenden Holzbalkendecken. „Meine Großmutter brachte hier unmittelbar nach dem Krieg auf der Decke eine Teerpappe auf, damit sie im Erdgeschoss ihr Foto- und Optikgeschäft wieder eröffnen kann“, berichtet Kaufmann. Erst 1957 sei die ausgebaute Ruine endgültig abgebrochen worden. Ob es dort vorher nach Teer roch, ist nicht überliefert.