Preis für mutiges Eingreifen im Supermarkt und an der Haltestelle

Harsumerin und Hildesheimer Familie erhalten Zivilcouragepreis des Landkreises Hildesheim
Jan-Philipp Otto hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht, wie er vor einem Jahr zusammen mit seiner Schwester Ann-Kathrin Otto und seinen Eltern Petra und Markus Otto einer hilflosen Frau in Hildesheim half. „Das war doch selbstverständlich“, meinte er gestern, als die ganze Familie dafür den Zivilcouragepreis des Landkreises Hildesheim erhielt. Die Jury war sich einig: Das mutige Eingreifen war alles andere als selbstverständlich ebenso wie der Einsatz der Harsumerin Annabel Grube, die dabei half, eine Straftat aufzuklären. Sie erhielt den ersten Preis, Familie Otto den zweiten. Die Anerkennung war wie in den Vorjahren mit einem individuellen Handabdruck verbunden, der gestern in der Ausbildungswerkstatt der Firma KSM-Castings gegossen wurde, die Kreiswohnbaugesellschaft kwg stiftete außerdem ein Preisgeld von1000 Euro. Annabel Grube, damals 19, kaufte mit ihrer Mutter in einem Harsumer Supermarkt ein, als plötzlich im Alltag ihre Zivilcourage gefragt war. „Ich sah in einem Gang zwischen den Regalen, wie ein Mann einem kleinen Kind ein Bein stellte. Es war etwa zwei Jahre alt“, erzählt sie bei der Preisverleihung. „Ich nehme an, es war der Vater. Das Kind wollte gerade zu seiner Mutter laufen und ihr ein Spielzeug zeigen. “Es fiel direkt auf die Nase, blutete im ganzen Gesicht, schrie. Die Mutter der 19-Jährigen war schon an der Kasse und bekam von dem Vorfall nichts mit. Auf dem Parkplatz berieten sich die Harsumerin und ihre Mutter kurz. „Es war klar“, sagt Annabel Grube, als sie jetzt auf den Vorfall vor ebenfalls gut einem Jahr zurückblickt. „Ich konnte nicht einfach so wegfahren“. Also prägte sie sich das Bild des Täters für eine Personenbeschreibung ein, notierte sein Autokennzeichen, wandte sich an das Marktpersonal und erstattete Anzeige bei der Polizei – die nahm Ermittlungen auf und machte den Mann ausfindig, der das Kind verletzt hatte. Die Hildesheimer Familie Otto war gemeinsam unterwegs, als die vier auf eine kritische Situation aufmerksam wurden. Sie waren in der Innenstadt essen und warteten am Bohlweg auf den Stadtbus, um nach Hause zu fahren. Da näherte sich ein Mann, der ihnen gleich merkwürdig vorkam. „Er war offensichtlich verwirrt“, berichtet Jan-Philipp Otto, „er fing mitten auf der Straße an, sich auszuziehen“. Der Mann verschwand in einem Kiosk. „Da passiert gleich was“, fürchtete Petra Otto. Sie behielt Recht: Der Unbekannte zog eine Frau mit Gewalt aus dem Laden, sie rief um Hilfe. Da zögerte die Familie nicht lange: Vater und Sohn, beide in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv, liefen herüber, befreiten die Frau. Die Tochter rief die Polizei an. Zusammen kümmerte sich die Familie um das Opfer und hielt den verwirrten Mann fest, bis die Polizei kam. „Wir haben uns überhaupt nicht abgesprochen“, erzählt der Sohn, „einfach gehandelt“. Alle fünf Preisträger hätten Mut und Rückgrat bewiesen, lobte Landrat Bernd Lynack. „Es heißt, die Gesellschaft wird rauer und die Menschen schauen eher weg als hin“, sagte Lynack, „heute würdigen wir das Gegenteil“. Dabei bedeute Zivilcourage nicht, sich selbst in Gefahr zu bringen, betonte der neue Hildesheimer Polizeichef Christian Bomert. Es gehe auch darum, zur Aufklärung beizutragen – wie im Harsumer Fall. Kreiswohnbau – Chef Matthias Kaufmann erläuterte, warum das Wohnungsbauunternehmen seit Jahren Sponsor der Auszeichnung ist: „Wir haben 4300 Wohnungen, in denen rund12.000 Menschen leben. Um den Betrieb kümmern sich 50 Kolleginnen und Kollegen. Sie können nicht alles mitkriegen und sind darauf angewiesen, dass alle auf ihre Nachbarn achten.“ Der Handabdruck, der live in der KSM-Werkstatt gegossen wurde, soll eine symbolische Anerkennung für den individuellen Mut sein, sagte Landrat Lynack und bedankte sich bei KSM für die jahrelange Unterstützung des Zivilcouragepreises: „Der Abdruck ist mehr als eine anonyme Trophäe.“