23. Juni 2020

Der Einwohner-Rückgang im Landkreis verstärkt sich – und erfasst auch Hildesheim

Der Landkreis Hildesheim verliert Einwohner, die Entwicklung beschleunigt sich. Auch die Kreisstadt verbucht Verluste, einige Kommunen trotzen aber dem Trend. Aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Von Tarek Abu Aja­mieh

Die Ein­woh­ner­zahl des Land­krei­ses Hil­des­heim ist im ver­gan­ge­nen Jahr erneut gesun­ken – es war der deut­lichs­te Rück­gang seit meh­re­ren Jah­ren. Damit setz­te sich der seit vier Jah­ren anhal­ten­de Abwärts­trend fort. Zum Jah­res­wech­sel hat­te der Kreis noch 275 817 Bür­ger und damit exakt 777 weni­ger als ein Jahr zuvor. Das ent­spricht der Bevöl­ke­rung eines durch­schnitt­li­chen Dorfs. Immer­hin: Fach­leu­te hat­ten dem Kreis und sei­nen Kom­mu­nen in einer Stu­die im Jahr 2012 noch ein deut­lich stär­ke­res Minus vor­her­ge­sagt.

 

Ein wesent­li­cher Grund für den Bevöl­ke­rungs­schwund ist die Ent­wick­lung in der Kreis­stadt Hil­des­heim. Die hat­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stets, wenn auch leich­te, Zuwäch­se ver­zeich­net. Im ver­gan­ge­nen Jahr ging die Ein­woh­ner­zahl jedoch um 297 zurück. „Das liegt in ers­ter Linie dar­an, dass im Stadt­ge­biet nicht nur Bau­grund­stü­cke und schon seit län­ge­rem Ein­fa­mi­li­en­häu­ser feh­len, son­dern gera­de bei den Stu­den­ten, deren Anzahl gestie­gen ist, der Bedarf nach Kleinst­woh­nun­gen der­zeit nicht abge­deckt wer­den kann“, sagt Stadt-Spre­cher Hel­ge Mie­the. Ver­mut­lich wür­den daher vie­le Stu­den­ten pen­deln. „Nicht umsonst haben wir der­zeit vie­le Bau­pro­jek­te in die­ser Rich­tung auf dem Tisch“, so Mie­the.

 

Stu­den­ten im Fokus

 

Die aktu­el­len Zah­len spre­chen durch­aus für die­se The­se: Den übli­chen Anstieg im letz­ten Quar­tal des Jah­res, aus­ge­löst durch zuge­zo­ge­ne neue Stu­den­ten, gab es zwar auch 2019. Doch er fiel deut­lich gerin­ger aus als in den Jah­ren davor.

 

Das Hil­des­hei­mer Schick­sal tei­len die meis­ten Kom­mu­nen im Land­kreis. Gleich 13 von ihnen ver­buch­ten rück­läu­fi­ge Ein­woh­ner­zah­len, beson­ders hef­tig fie­len die Ver­lus­te in Alfeld und im Lei­ne­berg­land aus. Gan­ze fünf Städ­te und Gemein­den gewan­nen im Lauf des ver­gan­ge­nen Jah­res Ein­woh­ner hin­zu. Dar­un­ter sind mit Bocke­nem und Elze zwei Städ­te aus dem eigent­lich struk­tur­schwä­che­ren Süd­kreis, die schon in den Vor­jah­ren Zuwäch­se ver­mel­det hat­ten, wenn auch aus unter­schied­li­chen Grün­den.

 

Auch Sar­stedt zählt zu den Gewin­nern – es ist zugleich die ein­zi­ge Stadt im Land­kreis, die auch in der Betrach­tung der ver­gan­ge­nen zehn Jah­re Ein­woh­ner gewon­nen und nicht ver­lo­ren hat.

 

Den leich­ten Wie­der-Auf­wärts­trend der ver­gan­ge­nen Jah­re bestä­tig­te auch Alger­mis­sen. Mit Har­sum hat nun mög­li­cher­wei­se eine wei­te­re Nord­kreis-Gemein­de den Tief­punkt hin­ter sich gelas­sen. Nach einem per­ma­nen­ten Abwärts­trend bis 2018 leg­te Har­sum nun leicht zu. Bür­ger­meis­ter Mar­cel Lit­fin führt das vor allem auf das Bau­ge­biet Ähren­kamp mit 68 Ein­fa­mi­li­en­häu­sern, die zum Groß­teil bereits bezo­gen wor­den sind, zurück. „Aktu­ell befin­den sich dort noch drei Geschoss­woh­nungs­bau­ten in Fer­tig­stel­lung. Die­se wer­den mit dem Bezug einen wei­te­ren posi­ti­ven Bei­trag zur Trend­wen­de leis­ten“, hofft der Ver­wal­tungs­chef.

 

Die drei Nord-Gemein­den dürf­ten auch künf­tig eher zu den Gewin­nern zäh­len. Auf­grund ihrer Lage zwi­schen Han­no­ver und Hil­des­heim sind sie vor allem bei Häus­le­bau­ern beliebt und wei­sen immer wie­der neue Bau­ge­bie­te aus.

 

Elze ist Nach­barn vor­aus

 

Letz­te­res tut auch Elze mit gro­ßem Erfolg. Wäh­rend die Nach­barn Lei­ne­berg­land und Nordstem­men zu den größ­ten Ver­lie­rern der Ein­woh­ner­sta­tis­tik zäh­len, setz­te die Klein­stadt den Erfolgs­weg der ver­gan­ge­nen Jah­re fort. Als Motor erwies sich dabei vor allem das Bau­ge­biet Han­lah nahe der Bun­des­stra­ße 1 im Nor­den der Stadt – auf­grund der gro­ßen Nach­fra­ge gibt es dort nun einen wei­te­ren Bau­ab­schnitt.

 

Wie die Nord­kreis-Kom­mu­nen, so hat auch Elzes Bür­ger­meis­ter Rolf Pfeif­fer einen gestie­ge­nen Zuzug aus der Regi­on Han­no­ver fest­ge­stellt. Zwar haben die Grund­stücks­prei­se auch in Elze kräf­tig ange­zo­gen, sind aber noch immer deut­lich güns­ti­ger als rund um die Lan­des­haupt­stadt, die zudem über die Bun­des­stra­ße 3 und die Bahn­li­nie gut zu errei­chen ist. Inter­es­sant wird in den nächs­ten Jah­ren, ob Nordstem­men es auch schafft, von die­ser Aus­gangs­la­ge zu pro­fi­tie­ren. Auch in die­ser Gemein­de ste­hen neue Bau­ge­bie­te an, vor allem in Barn­ten, die Nach­fra­ge ist groß.

 

Bau­ge­bie­te sind auch ein Grund, mit dem Bocken­ems Bür­ger­meis­ter Rai­ner Block die Ent­wick­lung in sei­ner Stadt erklärt. „Der Anteil der Bau­her­ren, die nicht inner­halb der Kom­mu­ne umzie­hen, son­dern von außer­halb kom­men, ist recht hoch“, hat er beob­ach­tet. Im Vor­jahr spiel­te zudem eine Rol­le, dass der mit Abstand größ­te Arbeit­ge­ber Mete­or zusätz­li­che Stel­len schuf. In die­sem Jahr will das Unter­neh­men aller­dings Arbeits­plät­ze abbau­en.

 

Bocken­ems Bal­kan-Effekt

 

Und schließ­lich gibt es noch einen Effekt, den Block dif­fe­ren­ziert betrach­tet. So zie­hen über­pro­por­tio­nal vie­le Men­schen aus Bul­ga­ri­en, Rumä­ni­en und wei­te­ren süd­ost­eu­ro­päi­schen EU-Län­dern nach Bocke­nem, weil sie von eini­gen ört­li­chen Arbeit­ge­bern gezielt ange­wor­ben wer­den – und oft nach einer bestimm­ten Zeit arbeits­los wer­den und damit Anspruch auf Sozi­al­leis­tun­gen erwor­ben haben.

 

In mei­nen Augen sind das Armuts­zu­wan­de­run­gen, die eine klei­ne Kom­mu­ne wie Bocke­nem vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen stel­len“ sagt Rai­ner Block. Dass sich man­che von ihnen gern in grö­ße­ren Grup­pen auf dem zen­tra­len Buch­holz­markt tref­fen und es dabei mit Laut­stär­ke und Müll­ent­sor­gung nicht immer so genau neh­men, beschäf­tigt Bür­ger und Stadt schon län­ger. „Das sind aber nicht alle, son­dern ein­zel­ne Grup­pen“, sagt Block, der regel­mä­ßig das Gespräch mit die­sen Neu­bür­gern sucht.

 

Neu­bür­ger gibt es in vie­len ande­ren Kom­mu­nen nicht so oft. Gera­de im Alt­kreis Alfeld ist die Ent­wick­lung der Bevöl­ke­rungs­zah­len wei­ter rück­läu­fig. Nir­gends wird das so deut­lich wie in der Samt­ge­mein­de Lei­ne­berg­land, deren Ein­woh­ner­zahl bin­nen eines Jah­res um fast ein Pro­zent schrumpf­te und damit so schnell wie noch nie.

 

Ver­zwei­fel­ter Kampf

 

Dabei weh­ren sich die Ver­ant­wort­li­chen fast schon ver­zwei­felt gegen den Nie­der­gang. Vor allem in Gro­nau schrei­tet die Ansied­lung von Unter­neh­men und damit die Schaf­fung von Arbeits­plät­zen vor­an, gro­ße Acker­flä­chen zwi­schen West­stadt und Bun­des­stra­ße 3 fal­len dem zum Opfer. Auch befasst sich die Stadt der­zeit mit der Fra­ge, wo sie neue Bau­ge­bie­te aus­wei­sen kann.

 

In der ört­li­chen Poli­tik führ­te das schon zu inten­si­ven Debat­ten, ob eine wei­te­re Ver­sie­ge­lung von Flä­chen ange­sichts per­ma­nent sin­ken­der Ein­woh­ner­zah­len noch gerecht­fer­tigt sei. Eine Mehr­heit will aber dar­an fest­hal­ten. Vor allem in vie­len klei­ne­ren Orten rund um Gro­nau und Duin­gen wol­len aber immer weni­ger Men­schen leben.

 

IN ZAHLEN

9286

Ein­woh­ner hat­te die Gemein­de Hohen­ha­meln Ende 2019 – das waren 85 mehr als ein Jahr zuvor. Das ist zugleich fast ein Pro­zent Zuwachs.

 

10395

Ein­woh­ner hat­te die Samt­ge­mein­de Bad­de­cken­s­tedt – ein Minus von 66. Dort könn­te es durch das neue Bau­ge­biet in Oel­ber aber wie­der berg­auf gehen.

 

 

IN KÜRZE

 

Pro­gno­se sah noch weit schlim­mer aus

 

Der Bevöl­ke­rungs- Rück­gang im Land­kreis Hil­des­heim fällt deut­lich weni­ger hef­tig aus als in einer Stu­die der Ber­tels­mann-Stif­tung aus dem Jahr 2012 vor­her­ge­sagt. Wären die­se Pro­gno­sen ein­ge­trof­fen, hät­te der Kreis jetzt nur noch 264 000 Ein­woh­ner, die Kreis­stadt hät­te sich mit knapp 97 000 Men­schen längst dau­er­haft vom Groß­stadt-Sta­tus ver­ab­schie­det. Die Macher der Stu­die hat­ten damals für fast alle Kom­mu­nen im Kreis­ge­biet zum Teil deut­lich gerin­ge­re Ein­woh­ner­zah­len vor­her­ge­sagt, als die Städ­te und Gemein­den heu­te tat­säch­lich haben. Ledig­lich für Diek­hol­zen und Hol­le hat­ten sie eine bes­se­re Ent­wick­lung pro­gnos­ti­ziert, als es bis­her tat­säch­lich gab. Vor allem für Diek­hol­zen ist die Dif­fe­renz groß, die Gemein­de kann wohl vor allem man­gels gro­ßer neu­er Bau­ge­bie­te nicht von ihrer Posi­ti­on im Speck­gür­tel Hil­des­heims pro­fi­tie­ren. Inter­es­sant wird sein, wie sich die künf­ti­ge Gestal­tung des frü­he­ren Gelän­des der Lun­gen­kli­nik auf die Ein­woh­ner­zah­len aus­wirkt.

Doch war­um haben sich die Ana­lys­ten so deut­lich ver­hau­en? Erkenn­bar ist, dass sie unter­schätzt haben, wie vie­le Men­schen mehr in den Land­kreis hin­ein­zie­hen, als ihn gleich­zei­tig ver­las­sen. Statt­des­sen haben sie vor allem Gebur­ten und Ster­be­fäl­le hoch­ge­rech­net. Tat­säch­lich star­ben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im Kreis Hil­des­heim jähr­lich stets 1300 bis 1500 Men­schen mehr, als im glei­chen Zeit­raum gebo­ren wur­den. Gleich­zei­tig gab es aller­dings Jahr für Jahr hun­der­te mehr Zu- als Weg­zü­ge.

 

Quel­le: Hil­des­hei­mer All­ge­mei­ne Zei­tung, 23. Juni 2020

Veröffentlicht unter 2020

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